Andere Menschen zu bewerten, ist eine Kompensation, um das eigene Selbstwertgefühl auszubessern. Durch die Bewertung stelle ich mich über eine Person. Wenn ich über einer Person stehe, fühle ich mich erhabener und nicht mehr so klein wie vorher (ein klassisches narzisstisches Prinzip).
Das Problem an Bewertungen ist nicht, dass uns dies menschlicherweise ab und zu passiert, sondern wenn es zu einem selbstverständlichen, dauerhaften Mechanismus wird. Unsere leistungsbesessene Gesellschaft ist ein fruchtbarer Boden für jegliche Art der Konkurrenz und des Vergleichens – und damit der Bewertung. Es ist daher nicht verwunderlich, dass es das Motiv vieler Menschen ist, sich über andere stellen zu wollen und im ständigen Bewertungsmodus zu verweilen, ganz nach dem Motto „ich weiß, was richtig und gut ist“.
Das Problem dabei: es hilft weder der bewertenden Person (eine Kompensation kann allenfalls ein Pflaster für das niedrige Selbstwertgefühl sein – es jedoch nicht heilen) noch der bewerteten Person (wer möchte schon Kommentare, die nicht auf Augenhöhe transportiert werden).
Wer bei sich häufig einen Bewertungsmodus feststellt (und damit den vielleicht wichtigsten Schritt – der Einsicht – gegangen ist) kann diesen durch folgende Fragen zukünftig stoppen:
- Was glaube ich, wie sich die andere Person gerade fühlt?
- Welche Vergangenheit und welche aktuellen Umstände könnte die Person haben?
- Kann ich mir auf Grundlage der Informationen, die mir zur Verfügung stehen, tatsächlich ein umfängliches Bild von der Person machen?
- Für wen ist meine Bewertung relevant oder hilfreich?